Letzte Änderung dieser Seite: 25.10.2004

Segeln - ”Alex”-Törn 2004

Vom 05. bis 11. September war ich endlich wieder einmal an Bord der “Alexander von Humboldt” unterwegs. Über diesen Törn möchte ich hier berichten.

Sonntag, 05.09.2004

Bereits gestern bin ich hier in Stralsund, der durch ihre markante Backsteingotik geprägten Hansestadt am Strelasund, angekommen. Heute nun soll mein Törn auf der „Alex“ endlich starten – eine Woche auf der Ostsee mit dem Zielhafen Warnemünde. Kurz nach 09.00 komme ich im Hafen an. Bereits von weitem sind die Masten mit den grünen Segeln zu sehen.

Noch nicht an Bord, gibt es gleich die ersten positiven Überraschungen, da mir alte Bekannte über den Weg laufen: Bootsmann Jochen hat mir schon viele seemännische Fertigkeiten beigebracht, und auch mit Krischan, der heuer seinen ersten Törn als Kapitän fährt, war ich schon zusammen unterwegs. Daß Smut Ebse und seine bessere Hälfte Susy, die ich beide vom Segler-Stammtisch in Stuttgart kenne, als Kombüsencrew und ihr Sohn Manni als Leichtmatrose dabei sein werden, wußte ich ja schon vorher. Bei so vielen bekannten Gesichtern an Bord muß der Törn ja gut werden.

Ich bekomme meine Koje zugeteilt: Kammer 6, Koje 23 – natürlich, ich habe es geahnt. Ich bin wieder mal im Pumakäfig gelandet. Auf dem ganzen Schiff gibt es genau zwei Kammern mit je acht Kojen, ansonsten sind vier Kojen der Standard. Und eine dieser beiden Achter-Kammern kann zumindest über die Luke des Notausstiegs einigermaßen durchgelüftet werden - die andere nicht, wen wundert also dieser Spitzname „Pumakäfig“? *g* Da ich einer der ersten bin, nutze ich die leere Kammer, um mich gleich mal häuslich einzurichten. Die Privatsphäre beschränkt sich auf eine ca. 190 cm lange und 80 cm breite Koje sowie auf einen schmalen Spind, aber das bin ich ja gewohnt, also schaffe ich es problemlos, meine Klamotten zu verstauen.

Nach und nach trudelt der Rest unserer Crew ein. Nicht ganz 60 Leute werden wir bei diesem Törn sein. Ich bin in die 8/12-Wache eingeteilt, d.h. ich hab jeden Tag von 08.00 bis 12.00 und von 20.00 bis 24.00 Wache – eigentlich die angenehmste Wache, da sie am ehesten meinem natürlichen Schlafrhythmus entspricht. Sowohl meinen Steuermann Rüdiger als auch meinen Toppsmatrosen Björn kenne ich noch nicht, aber beide wirken sehr sympathisch.

Wie üblich findet vor dem Auslaufen das Notfalltraining statt. Wo sind die Notausgänge? Wo findet man die Rettungswesten? Wie werden sie angelegt? Was bedeutet das Signal zum Generalalarm? Für mich ist das alles nichts Neues, ich bin schon mehrfach auf der „Alex“ gefahren, aber was sein muß, muß nun mal sein.

Und dann geht es endlich los. Die Gangway wird gestaut, die Leinen werden losgeworfen. Unter Motor geht es los – die regelmäßige Öffnung der Ziegelgrabenbrücke (eines Teils des Rügendamms) steht kurz bevor. Wir reihen uns in den Strom der Boote und Schiffe ein, die die Klappbrücke passieren. Wir werden noch ein gutes Stück motoren müssen, da wir zuerst aus dem Strelasund heraus und in den Greifswalder Bodden einfahren müssen, ehe wir Segel setzen können. Bis etwa 22.30 dauert die Revierfahrt. Linker Hand liegt die ganze Zeit die Insel Rügen, rechter Hand das Festland, wo man in der klaren, hellen Nacht zwei fragwürdige Relikte aus vergangenen Zeit entdecken kann: zuerst die Reste des alten DDR-Atomkraftwerks Lubmin (ein Kraftwerk vom Tschernobyl-Typ), später dann die Gebäude der Raketenversuchsanstalt Peenemünde.

Endlich, wir haben es geschafft: die Revierfahrt ist beendet, wir nehmen Kurs Nord. Auf der Steuerbordseite liegt das Prorer Wiek, die große Bucht, an der das bekannte Rügener Seebad Binz sowie das ehemalige KdF-Bad Prora liegen. Wir können endlich Segel setzen. Zwar ist es harte Arbeit und gerade bei Dunkelheit fallen fielen die notwendigen Handgriffe noch schwer, aber bald ist es soweit, daß der „Unterwasser-Besan“, also die Schiffsschraube, ausgekuppelt werden kann. Wir segeln! Das Schiff nimmt Fahrt auf! Es geht voran! Das sind die Momente, für die man an Bord ist. Viel zu schnell ist unsere Wache vorbei und wir gehen zum fast schon obligatorischen Wachbier über, ehe die Koje ruft.

Montag, 06.09.2004

Heute bin ich mit fünf Anderen zur Backschaft eingeteilt, d.h. wir sind heute für das Auf- und Abtragen der Mahlzeiten, das Geschirrspülen und die notwendigen Reinigungsarbeiten (Toiletten, Duschen, etc.) verantwortlich; im Gegenzug sind wir an diesem Tag von unseren Wachen freigestellt. Auch das muß sein und es trifft jeden – und ganz ehrlich, auch das macht Spaß, wenn man die richtige Truppe beisammen hat – und das haben wir eindeutig. Wie so oft übernehme ich freiwillig den nicht gerade beliebten Job in der Pantry und kümmere mich um das schmutzige Geschirr. Ich frag mich echt, warum fast niemand diesen Job machen will, denn ich bediene eindeutig lieber die Spülmaschine als daß ich die Toiletten und Duschen putze. Aber gut, jedem das Seine! Da die Pantry gleich neben der Kombüse liegt, dringen schon bald leckere Gerüche zu mir herüber: Ebse und Susy sind, dies zeigt sich einmal mehr, tolle Smuts. Nicht nur beim Frühstück, wo es frische Pfannkuchen bis zum Abwinken gab, nein, auch beim Mittagessen übertreffen sie sich selbst Ihr Rindercurry Madras schmeckt einfach köstlich.

Am Nachmittag findet die fast schon traditionelle „Fotosafari“ statt. Eines der Schlauchboote wird zu Wasser gelassen, so daß alle die Chance haben, die „Alex“ von außenbords unter (fast) vollen Segeln zu sehen und zu fotografieren.

Zwischendurch hat der Wind leider total nachgelassen, wir liegen in einer Flaute fest. Krischan, unser Kapitän, hat uns darüber informiert, daß die Flaute auch den nächsten Tag anhalten soll, also wird das Beste daraus gemacht: wir werden Kopenhagen ansteuern und dort einen Tag bleiben.

Nachdem die Backschaft nach dem Abendessen beendet ist, beschließe ich, mich wieder zu meiner Wache zu gesellen, obwohl ich ja heute eigentlich wachfrei hätte. Da wir motoren, sind durch unsere Wache nur noch Ausguck und Rudergänger zu stellen, der Rest hat nichts zu tun. Björn und Ranka nutzen die Zeit, um gerade die Neulinge an Bord mit den unterschiedlichen Tampen und ihrer jeweiligen Bedeutung vertraut zu machen. Zwar ist das für mich nicht neu, dennoch tut eine Auffrischung sicher gut, denn unsere 25 Segel haben jede Menge Tampen: Gordinge, Geitaue, Schoten, Falle, Niederholer, etc. – auch wenn dahinter ein ausgeklügeltes System steckt, so muß man dennoch immer wieder überlegen, welcher Tampen denn nun wofür dient.

Dienstag, 07.09.2004

Wie üblich führt mein erster Gang nach dem Wecken nicht auf die Toilette, sondern an Deck – das Wetter ist schön, die Sonne scheint bereits. Und wir sind bereits mitten im Öresund, der Schweden von Dänemark trennt. Kopenhagen ist bereits zu sehen. Schnell wird das Frühstück verzehrt, denn gegen 09.00 wollen wir anlegen. Die Leinen und die Gangway werden bereitgelegt – direkt vor Schloß Amalienborg, also sozusagen mitten in der Kopenhagener City, werden wir festmachen.

Da ich in den letzten Jahren bereits mehrfach in Kopenhagen war, habe ich keine allzu große Lust, das übliche Touri-Sightseeing-Programm mitzumachen. Ein kurzer Einkaufsbummel muß sein – der große Bodum-Shop auf dem Stroget, der Fußgängerzone, lockt. *g* Auch ein typisch dänischer Hotdog und ein paar Konditoreiprodukte müssen sein, denn beides schmeckt in Dänemark einfach lecker. :-)

Bald jedoch bin ich wieder auf dem Schiff. Ich habe mich zur Gangwaywache gemeldet, denn dieser Job macht immer wieder Spaß. Eigentlich soll man dabei ja aufpassen, daß keine Unbefugten an Bord kommen, aber letztlich geht es dabei auch darum, das Schiff zu repräsentieren und vorzustellen. Da in Kopenhagen wie fast immer mehrere große Kreuzfahrtschiffe zu Gast sind, kommt ein internationales Publikum vorbei: Dänen, Deutsche, Amerikaner, Japaner, Engländer, ... – die meisten bleiben vor unserem Schiff stehen und bewundern es. Und nicht wenige davon haben auch Fragen – also muß man, wenn man Gangwaywache hat, diese auch beantworten. Auf Deutsch und Englisch informiere ich über unser Schiff. Wer weiß, vielleicht sieht man den oder anderen irgendwann mal an Bord.

Von dem auf der anderen Seite des Hafens liegenden alten Schlachtschiff ertönt ein Knall – Sonnenuntergang, das Schiff gibt das Zeichen dafür, daß die Flagge über Schloß Amalienborg eingeholt werden soll. Auch wir halten uns an die alte Tradition, daß die Flagge im Hafen nur von Sonnenauf- bis –untergang gesetzt sein darf, also holen wir auch bei uns die Flaggen ein – auch für die Reihenfolge, in der die Flaggen niedergeholt werden, gibt es Traditionen. Zuerst holt man an Backbord die Flaggen der Verbände, bei denen wir, d.h. die Deutsche Stiftung Sail Training (DSST) als Eignerin der “Alex”, Mitlied sind ein. Hierbei handelt es sich zum einen natürlich um die Flagge der Sail Training Association Germany mit dem Symbol der Hansekogge, zum anderen um die Flagge des Vereins Trans-Ocean e.V. (Verein der Blauwassersegler). Dann kommt an Backbord unsere eigene Reedereiflagge, die Flagge der DSST. Schlußendlich wird am Heck der “Adenauer”, d.h. die Bundesflagge, eingeholt.

Den Abend beschließen wir in einem nahegelegen Park, wo wir uns mit einer Gitarre und einigen „Fröschen“ (Bordjargon für die grünen Beck’s Bier-Flaschen) niederlassen.

Mittwoch, 08.09.2004

08.00 – wir legen ab. Es geht wieder hinein in den dichtbefahrenen Sund, aber sobald wir die Schifffahrtsstraße verlassen haben, werden die Segel gesetzt. Die Sonne scheint, der Wind weht, was will man mehr? Wir nehmen Kurs auf die dänische Insel Mön. Vor der Insel kreuzen wir mehrfach hin und her. Beim Segeln ist bekanntlich der Weg das Ziel, und hier vor Mön haben wir ausreichend Raum für unsere Segelmanöver und der Wind ist gut. Was will man mehr? Zwar wird zwischendurch die See etwas kabbelig, aber was macht das schon? Wir können Segeln, und genau deshalb sind wir ja schließlich an Bord.

Donnerstag, 09.09.2004

Nachdem wir Nachts noch sämtliche Segel gesetzt hatten, muß ich nach dem Frühstück feststellen, daß wir wieder unter Motor unterwegs sind. Zwar weht nach wie vor ein ordentlicher Wind, aber er passt von der Windrichtung her überhaupt nicht, da er uns auf’s Festland drücken würde. Also wird doch wieder mit dem „Unterwasser-Besan“ gearbeitet. Wir halten Kurs auf Rügen. Im Tromper Wiek, der Bucht zwischen den Halbinseln Wittow und Jasmund, wollen wir ankern. Am frühen Nachmittag kommen wir vor Vitt an und der Anker fällt. Mit den Schlauchbooten werden wir an Land gebracht. Da Wasser- und Lufttemperatur mitspielen, suchen wir zuerst einmal den Strand auf und baden eine Runde, ehe wir von Vitt aus die kurze Strecke zum Kap Arkona hochmarschieren. Von See aus habe ich das „Deutsche Nordkap“ schon oft gesehen, aber nun bin ich zum ersten Mal direkt dort. Die beiden Leuchttürme, von denen der eine, den man auf See schon so oft gesehen hat, fast schon so etwas wie ein alter Freund ist, werden besichtigt. Auch zu den Klippen gehen wir hinab.

Nach dem wie immer köstlichen Abendessen geht es ankerauf. Aus dem Tromper Wiek führt uns unser Weg hinaus auf die Ostsee und dann Kurs West – sowohl Rudergänger als auch Ausguck müssen hier höllisch aufpassen, denn wir befinden uns in der Kadettrinne, einer der engsten und dichtbefahrensten Stellen der Ostsee. Daß wir hier nicht Segeln können, ist wohl klar. Parallel zum Festland steuern wir gen Westen. Begleitet werden wir auf unserem Weg lange Zeit vom Feuer des Leuchtturms auf Kap Arkona, welches dann irgendwann durch das Feuer des Leuchtturms Dornbusch auf Hiddensee abgelöst wird.

Ja, sie sind wirklich gute Freunde, die Leuchttürme an der Küste – sicher zeigen sie uns den Weg...

Freitag, 10.09.2004

Im Süden sind durch das Glas der Bockkran der Warnemünder Werft sowie das Hotel Neptun zu erkennen. Dorthin, nach Warnemünde, wollen wir morgen. Aber vorher heißt es noch einmal: „Setzt die Segel!“. Wir haben genügend Raum, der Wind steht günstig. Also alles hoch, was nur geht! Wieder einmal merke ich, welches Glück ich mit meiner Wache habe. Sowohl Steuermann Rüdiger als auch Toppsi Björn wollen Segeln, auf Teufel komm raus. Es ist kein Zufall, daß wir, die 8/12-Wache, die am härtesten arbeitende Wache dieses Törns sind. ;-) Aber dafür sind wir da. Wir wollen schließlich Segeln.

Inzwischen sind wir an Warnemünde vorbei und es wird Zeit für einen Kurzwechseln. Bisher haben wir, wenn wir eine größere Richtungsänderung vornehmen wollten, immer die vergleichsweise einfache und zur Not von einer Wache zu fahrende Halse gemacht, d.h. wir sind mit dem Heck durch den Wind. Doch jetzt will Rüdiger es wissen. Das Kommando „Alle Mann“ wir gegeben, jede Wache besetzt den ihr zugewiesenen Mast – dieses Mal soll statt einer Halse die wesentlich anspruchsvollere Wende gefahren werden, d.h. wir wollen mit dem Bug durch den Wind. Bei diesem Manöver darf nichts schiefgehen, denn ansonsten wären wir auf den Motor angewiesen, aber das will unser Stolz nicht zulassen. Und siehe da, es klappt.

Am Nachmittag fällt vor Warnemünde der Anker: Reinschiff ist angesagt. Mit einigen Leuten meiner Wache übernehme ich die Aufgabe, das Deck zu Schrubben. Mit Schrubbern, Eimer mit Seife und zwei Feuerlöschschläuchen bewaffnet gehen wir zu Werk. Da wir recht schnell fertig sind, artet das ganze aufgrund der hohen Außentemperaturen bald in eine Wasserschlacht aus, bei der sich immer mehr Leute beteiligen. *g* Aber was wollen die mit ihren Eimern und den aus irgendwelchen obskuren Quellen aufgetauchten Wasserbomben schon gegen einen prallgefüllten Feuerlöschschlauch ausrichten? *fg*

Abends steigt dann das auf der „Alex“ traditionelle „Captain’s Dinner“. Die Kombüsencrew hat sich ein leckeres, fünfgängiges Menü einfallen lassen – und die Backschaft übernehmen nicht die regulären Backschafter, vielmehr servieren die Toppsmatrosen und Steuerleute, während die Maschinencrew die Spülmaschine bedient. Leckeres Essen, guter Wein – was will man mehr? Der letzte Abend an Bord wird einmal mehr zu einem unvergeßlichen Erlebnis.

Nach dem Frühstück heißt es ein letztes Mal „Anker auf!“. Unter Maschine geht es das kurze Stück hinein nach Warnemünde, wo wir gegen 10.00 am Passagierkai festmachen. Abschiedsstimmung macht sich breit. Bald verlassen die ersten das Schiff – eine letzte Umarmung für die Leute, die in einer Woche von Fremden zu Freunden geworden sind.

Das Wetter passt sich der Abschiedsstimmung an: hatten wir die ganze Woche strahlenden Sonnenschein, so weint der Himmel nun mit uns die Abschiedstränen. Ein Wolkenbruch geht über Warnemünde nieder. Bald schon kommen meine Freunde, die mich abholen wollen. Schweren Herzens gehe ich von Bord, würde gerne noch bleiben. Aber ich weiß ja, daß ich wiederkehren werde. Wer einmal sein Herz an die „Alex“ verloren hat, der wird immer wieder auf dieses wunderschöne Schiff zurückkehren. Der „Grüne Virus“ hat mich schon vor vielen Jahren, 1996, gepackt.

An Land verlasse ich zielstrebig die Pier, ohne mich noch einmal umzuschauen. Ein alter Seemannsaberglaube besagt, daß man sich beim Abschied nie umschauen darf, da man sonst nicht wieder dorthin zurückkehren wird.

Und so neigt sich ein wunderschöner Segeltörn dem Ende zu.

NACHWORT

Ich weiß ja nicht, ob jemand vom Törn 12604 hier liest, aber falls doch, dann möchte ich hier ein paar Grüße loswerden. Ich grüße die komplette Crew des Törns 12604, vor allem Lena, Ingo, Flo, Cordula, Manni, Ebse, Susy, Silke, Ansgar und Anselm. Euch allen Mast- und Schotbruch und allzeit eine Handbreit Wasser unter’m Kiel!


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