Letzte Änderung dieser Seite: 24.04.2003

Segeln - Ein Tag an Bord des Großseglers “Alexander von Humboldt” (auch liebevoll “Alex” genannt)

23.30 Uhr: „Hallo, Alexander, bist Du wach? Es ist Zeit für Deine Wache. Das Wetter ist gut.“ Das war ein Mitglied der 08/12-Wache. Eigentlich will ich ja gar nicht aufstehen. Ich habe gerade so gut geschlafen und meine Koje ist sooooooooo bequem. Aber das ist das Schicksal, wenn man zur 00/04-Wache gehört. Die Pflicht ruft. Um Mitternacht ist Wachwechsel.

Also dann, rein in die Arbeitsklamotten, die Taschenlampe angebändselt und die Sicherheitsleine festgegurtet - könnte ja sein, daß man sie während der Wache brauchen kann. Zwar soll das Wetter gut sein, aber man weiß nie, ob sich das in den nächsten vier Stunden nicht ändert. Immerhin sind wir hier, rund um die Kanarischen Inseln, mitten auf dem Atlantik. Da kann sich der Wettergott schon einiges einfallen lassen.

Nachdem ich mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt habe, um endgültig wach zu werden, gehe ich den Niedergang hoch. An Deck sind schon einige andere Mitglieder meiner Wache - ein Glück, die sehen auch nicht wacher aus als ich. Unser Topsmatrose, macht eine Anwesenheitskontrolle. Bis auf die Kranken sind tatsächlich alle da. Dann beginnt das Ritual der Wachablösung, wie es schon seit Jahrhunderten auf Segelschiffen üblich ist. Die 08/12- und die 00/04-Wache stehen sich an Deck gegenüber die abgehende Wache auf Steuerbord, die aufziehende Wache auf Backbord. John, der Steuermann unserer Wache, ein alter Seebär, stellt sich in die Mitte und ruft: „Verfang bei Ruur un Utkiek - Weg die Wach!“ (das heißt auf hochdeutsche etwa: "Klar bei Ruder und Ausguck - Weg die Wache!"). Dies ist die Erlaubnis für die abziehende Wache, ihre Posten an Ausguck und Ruder zu verlassen. Ehe sie unter Deck gehen, wünschen sie uns noch lautstark eine „Goode Wach“, während wir ebenso lautstark eine „Goode Ruh“ wünschen.

Meine Wache

Dann geht es an das Verteilen der Aufgaben: ich bin in der ersten Stunde als Ausguck eingeteilt und begebe mich gleich auf meinen Platz im Bug. Mein Job ist es nun, alles was in unserer Fahrtrichtung auftaucht, also andere Schiffe, Leuchttürme, etc., an den Steuermann zu melden, damit dieser die entsprechenden Manöver einleiten kann.

Auf Ausguck

An Steuerbord ziehen die Lichter der Insel Teneriffa vorbei. Dort, aus dem Hafen von Santa Cruz de Teneriffe, sind wir am Abend ausgelaufen, nachdem wir einen Tag Landgang hatten, den wir genutzt haben, um diese faszinierende Insel zu erkunden. Am Horizont ist ein einsames Leuchtfeuer zu sehen zu sehen, aber ansonsten ist alles ruhig. Nicht mal ein Fischerboot kreuzt unseren Kurs. Mein Wecker hat nicht zu viel versprochen: das Wetter ist wirklich gut - eine leichte Brise, klarer Himmel, aber relativ frisch. Über mir blinken die Sterne. Das ist eine der Nächte, in denen man leicht versteht, warum man dem Segeln verfallen ist. Es gibt fast nichts Schöneres, als bei sternklarer Nacht an Deck eines Seglers zu stehen. That’s freedom! Keine Landratte wird das jemals verstehen können - alle haben sie mich ungläubig angeschaut, als ich erzählte, daß ich zum Segeln ginge und dort auch noch nachts arbeiten müßte. Aber es ist einfach schön!

Wenn es jetzt Tag wäre, dann würde zu meinen Aufgaben als Ausguck noch eine weitere Tätigkeit hinzukommen: das „Glasen“ - die regelmäßige Zeitansage mit der Schiffsglocke. Aber nachts lassen wir das doch lieber. Wir wollen den Rest der Crew nicht wecken. Viel zu schnell ist meine Stunde vorbei und meine Ablösung kommt. Ich trabe zurück ins Heck. John führt gerade eine seiner beliebten „Sternversteigerungen“ durch - es beeindruckt mich immer wieder, wie dieser alte irische Seebär die Sternbilder auseinanderhalten und erklären kann.

Da der Wind gut steht und deshalb in der nächsten Zeit keine Segelmanöver anstehen, begibt sich die Wache mit Ausnahme von Rudergänger und Ausguck unter Deck. Otto, der Smutje, hat eine besondere Aufgabe für uns - Kartoffeln schälen. Na ja, was macht man nicht alles, damit die Crew nicht verhungert.

Beim Kartoffelschälen - Schließlich wollen wir auch am kommenden Tag was Futtern *g*

Mit vereinten Kräften ist auch das bald geschafft - eine Erfahrung die manhier an Bord immer wieder macht. Nur gemeinsam läßt sich ein solcher Windjammer segeln. Da der Wind weiter konstant weht, haben wir noch Zeit für ein bißchen Segeltheorie. Unser Topsmatrose erläutert uns die Unterschiede zwischen Wende und Halse (zwei Manöver zur Richtungsänderung). Anschließend schauen wir uns noch ein Video über das Verhalten bei Notfällen, insbesondere über den Umgang mit Rettungsinseln, an.

Inzwischen ist es kurz vor 03.00 Uhr. Da ich mich als Rudergänger gemeldet habe, gehe ich wieder an Deck. Nachdem mir die vorherige Rudergängerin den Kurs mitgeteilt hat und ich diesen auch bestätigt habe, übernehme ich das Ruder. Es ist immer wieder ein unbeschreibliches Gefühl, das Schiff zu steuern, Verantwortung für Schiff und Besatzung zu übernehmen. Im Prinzip ist es nicht viel schwerer, als ein Auto zu steuern - mit den zwei Unterschieden, daß das Ruder weitaus größer als ein Autolenkrad ist und daß das Schiff langsamer reagiert. Man dreht am Ruder, und es passiert erst einmal nichts. Da man aber meint, daß etwas passieren müßte, dreht man weiter. Und wenn das Schiff dann reagiert, kann man gleich wieder gegensteuern, weil man viel zu viel vom Kurs abgekommen ist. Aber man lernt schnell, die Trägheit des Schiffes in die Ruderbewegungen einzubauen.

Am Ruder

Schon bald ist meine Stunde am Ruder vorbei. Die 04/08-Wache löst uns ab. Noch schnell ein Schlummerbier getrunken, und dann falle ich in die Koje.

Ein paar Stunden Schlaf später ist es Zeit für das Frühstück. Die komplette Crew mit Ausnahme der 08/12-Wache sitzt in der Messe. Otto, unser Smutje, hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Frische Pfannkuchen für 70 Mann! Der Smutje auf einem Segler ist einfach zu bewundern - was er zusammen mit seinem Maat unter engsten Bedingungen und z.T. auch bei starkem Seegang zaubert, ist lecker.

Nach dem Frühstück gibt unser Kapitän Infos über den Tag: aller Voraussicht nach werden wir nach Mittag im Hafen von La Gomera einlaufen. Dort ist Landgang angesagt. Ich verschwinde nach dem Frühstück nochmal in meiner Koje, denn ich muß Kraft tanken für die kommende Wache. Vermutlich werden wir genau während unserer Wache La Gomera erreichen. Das bedeutet Arbeit, denn dann müssen die Segel nicht nur eingeholt werden, sondern auch noch hafenfein verpackt werden.

Und so kommt es dann auch. Die 00/04-Wache ist kaum an Deck, hallen auch schon die Kommandos über’s Deck. Wir bergen die Segel, denn der Kapitän will lieber unter Motor in den Hafen einlaufen. Wir entern hinauf ins Rigg. An den Webleinen hoch, und dann auf den schwankenden Fußpferden, unter den Rahen befestigten Tauen, nach außen. Das ist zwar eine wacklige Angelegenheit, aber man gewöhnt sich schnell daran. Aus Sicherheitsgründen sind wir zwar angeleint, aber trotzdem gilt auch hier der alte Seemannsgrundsatz „Eine Hand für’s Schiff, eine Hand für sich selbst“. Mit vereinten Kräften, auch die Freiwachen beteiligen sich, sind die Segel bald schön verschnürt.

Beim Segel-Packen

Kaum liegt das Schiff am Kai von La Gomera, brechen die ersten auf zum Landgang. Auch ich mache mich auf, die Schönheit dieser glücklicherweise touristisch noch nicht so stark erschlossenen Insel zu erkunden. Es wird ein erholsamer Tag an Land - und für manche ein langer Abend. Für mich wurde der Abend in den Kneipen doch nicht so lang, denn ich war zur Hafenwache eingeteilt, mußte also aufpassen, daß niemand Unbefugtes das Schiff betritt. Gar keine so leichte Aufgabe. Da fast jeder Bundesbürger unser Schiff aus der Werbung kennt und auch auf La Gomera viele Deutsche zu finden sind, gibt es immer wieder Leute, die sich dafür interessieren. Gerne sind wir bereit, Auskunft über das Schiff und über unser Leben an Bord zu geben. Aber viele reagieren ungehalten, wenn wir erklären, daß sie nicht einfach an Bord kommen und das Schiff besichtigen können. Dabei gibt es dafür gute Gründe: Sicherheit, die Privatsphäre der Crew, aber vor allem auch das Schlafbedürfnis der Besatzung - wer möchte, wenn er todmüde in seiner Koje liegt, schon von einer Schar Touristen geweckt werden? Aber irgendwann sehen es alle ein, daß sie nicht einfach an Bord kommen können. Nach meiner Hafenwache falle ich in meine Koje und sammle Kraft für den nächsten Tag, denn frühmorgens wird es schon wieder heißen: „Leinen los!“.


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