LLetzte Änderung dieser Seite: 24.04.2003

Unter russischer Flagge - Ein Törn auf STS “Mir”

DIE VORGESCHICHTE

Nachdem ich schon mehrere Segeltörns auf der deutschen Bark
"Alexander von Humboldt" gefahren bin, war es an der Zeit, endlich mal ein neues Schiff kennenzulernen. Und so segelte ich an Bord des russischen Vollschiffs "Mir" vom 01. bis 06. Sept. 2002 von Bremen nach Kopenhagen

DAS SCHIFF

Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts beschloß man in der damaligen Sowjetunion, daß man eine Serie von neuen Segelschulschiffen für die Ausbildung des seemännischen Nachwuchses der Handelsmarine bauen sollte. So entstand auf der Danziger Leninwerft eine Serie von sechs Vollschiffen, entworfen vom wohl besten Segelschiffskonstrukteur der Neuzeit, Zygmund Choren

Sämtliche sechs Schiffe dieser Serie sind noch heute unter Segeln: "Dar Mlodziezy" segelt unter polnischer, "Druzhba" und "Khersones" unter ukrainischer, "Mir", "Nadesha" und "Pallada" unter russischer Flagge. Die "Mir" lief 1987 als 3. Schiff dieser Serie vom Stapel.

Eigentümerin der "Mir" ist die Admiral Makarov Maritime State Academy in St. Petersburg, eine der angesehensten Seefahrtshochschulen Europas. Studenten der seemännischen Fakultäten der Akademie (also angehende Nautiker, Schiffsingenieure, Funker, Radaringenieure, etc. absolvieren an Bord dieses Vollschiffes ein Praktikum. Zusätzlich nimmt die "Mir" zahlende Gäste, sog. Trainees, an Bord. Insgesamt können neben der Stammbesatzung von 50 Mann 100 Kadetten und 50 Trainees auf der "Mir fahren.

Mit ihrer Länge von 108,9 m, ihrer Breite von 14,0 m, ihrer Masthöhe von 52,0 m und einer Segelfläche von 2.257,0 qm (verteilt auf 26 Segel) gehört die "Mir" zu den größten Segelschiffen der Welt. Nur zwei klassische Segelschiffe, die russischen Schulschiffe "Kruzenshtern" und "Sedov", sind noch ein bißchen größer (den Luxux-Kreuzfahrtsegler "Royal Clipper" wollen wir hier mal außer acht lassen). Außerdem genießt die "Mir" den Ruf, das derzeit schnellste Segelschiff der Welt zu sein, was durch mehrere Siege beim bekannten Cutty Sark Tall Ship Race eindeutig bewiesen wurde.

DER TÖRN

Am 01. Sept. 2002 begann mein Törn. Die "Mir" sollte im Neustädter Hafen liegen, wo an diesem Wochenende Hafenfest gefeiert wurde. Und tatsächlich, da lag sie auch - schon von weitem waren ihre hohen Masten zu sehen. Gerade in diesem Industriehafen fiel die pure Schönheit dieses Schiffes sofort ins Auge.

Vom für die Trainees zuständigen 2. Offizier wurde ich in meinen Kubrick (eine Kammer mit 12 Kojen) geführt. Nach und nach trafen auch die weiteren Trainees, insgesamt 28 an der Zahl, ein. Da wir erst am nächsten Morgen mit ablaufendem Wasser lossegeln wollten, starteten die meisten Trainees zu einer ersten Beschnupperungsrunde in der Kneipe "Lankenauer Höft".

Gegen 10.00 am nächsten Morgen kam von Kapitän Sergey Timoshkov der Befehl: "Leinen los". Vorbei an Vegesack, Brake und Bremerhaven ging es hinaus auf die Nordsee. Fuhren wir zuerst noch Kurs West, so ging es nach der Passage von Helgoland endlich Kurs Nord.

Natürlich können alle Trainees an Bord der "Mir" an den Bordroutinen teilnehmen, auch wenn dies mit unterschiedlicher Konsequenz stattfand. Zusammen mit einigen wenigen hielt ich jedoch durch und versäumte keine Wache. Ich hatte mich für die 4-8-Wache unter Führung des 1. Offiziers Yury Galkin und des Bootsmanns Igor Sivov entschieden, hatte also immer von 04.00 bis 08.00 und von 16.00 bis 20.00 "Dienst". Neben der körperlichen Arbeit bei den Segelmanövern gehört zum Wachdienst auch der Ausguck sowie das Rudergehen.

Da der Wind günstig wehte, konnten wir fast die ganze Zeit unter Segeln, häufig sogar unter Vollzeug, fahren. Auch ein Sturm der Windstärke 9 wurde abgewettert. So ging es zuerst mal Kurs Nord, dann durch Skagerak und Kattegatt hinein in die Ostsee und durch den Öresund nach Kopenhagen

 

Ja, der Wettergott meinte es wirklich gut mit uns. Nicht nur, daß der Wind günstig stand, auch erwischten wir ein paar wirklich schöne Spätsommertage. Sowohl bei den beiden Pausen, die wir wegen notwendiger Arbeiten am Schiff vor Anker lagen, als vor allem auch bei den wunderschönen Sonnenauf- und -untergängen kam richtige, pure Seefahrtsromantik auf.

Viel zu schnell ging der Törn vorbei, viel zu schnell waren wir in Kopenhagen.

Noch schnell ein Gruppenfoto, und schon hieß es, Abschied von der "Mir", einem wunderschönen Segelschiff mit sehr, sehr freundlichen Menschen an Bord, zu nehmen. Gemäß dem alten Seemannsaberglauben schaute ich mich nicht nochmal um, als ich das Schiff verließ, denn bekanntlich kommt man nur dann zu einem Schiff zurück, wenn man sich beim Abschied nicht umschaut. Und ich war bestimmt nicht zum letzten Mal auf der "Mir".

DAS FAZIT

Sicher, die "Mir" ist kein Luxuskreuzliner, aber wer braucht schon unnötigen Luxus, wenn er die Chance hat, auf einem der schönsten, größten und schnellsten Segelschiffe der Welt zu segeln. Ich finde es gut, daß man auch als zahlender Trainee keine Extrawurst gebraten bekommt, sondern wie die Kadetten auch in 12-Mann-Kubricks schläft und die gleiche russische Hausmannskost wie sie bekommt. Schließlich sitzen wir alle in einem Boot.

Die "Inneren Werte" dieses Schiffes lassen sich sowieso nicht an Äußerlichkeiten festmachen. Was den Flair der "Mir" ausmacht, daß ist die russische Gastfreundschaft, der Kontakt zu Menschen, die aus einer gänzlich anderen Kultur stammen. Sich mit diesen Menschen zu unterhalten, mit ihnen zu erzählen, das ist es, was einen Törn auf der "Mir" ausmacht - aber dieses Geheimnis wird nur der erfahren, der sich auf das Schiff einläßt, der mit anpackt, der sich selbst als Teil der Besatzung sieht. Wer meint, nur mitsegeln zu können, ohne bei den Manövern mit anzupacken, der wird Probleme haben, zur Seele des Schiffes durchzudringen. Ich aber behaupte von mir, daß ich es geschafft habe, und das macht mich froh. Und ich weiß, daß ich einen Teil meiner Seele rettungslos an dieses Schiff verloren habe.

MEHR INFOS

Buchen kann man Törns auf der "Mir" meiner Segelkameradin
Bärbel Beuse. Weitere Infos gibt es auf der offiziellen "Mir"-Website.


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