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Éireann 2000/2

Letzte Änderung dieser Seite: 24.04.2003

Éireann 2000 - 30.05.2000 - 14.06.2000 - Teil 2 - Von Galway nach Shannon Airport

Dienstags stand dann eine längere Busfahrt bevor - ich wollte ja unbedingt nach Nordirland, und von Galway bis Derry ist man per Bus sechs Stunden unterwegs.

In Derry angekommen, hab ich mir erst mal die von einer Stadtmauer umgebene Altstadt angeschaut, ehe ich dann runter in die Bogside, eines der katholischen Wohngebiete bin. In Derry ist der Nordirland-Konflikt nach wie vor greifbar, so sieht man z.B. überall Wandgemälde der verschiedenen Gruppierungen. Und natürlich stößt man immer wieder auf Erinnerungen an das wohl grausamste Kapitel der Troubles, den "Bloody Sunday", an dem britische Fallschirmjäger 13 wehrlose Zivilisten erschossen haben.

 

Um einen Blick hinter die Kulissen zu erhalten, hab ich zusammen mit Bettina, die auch im Youth Hostel war, am kommend Tag eine Black Cab-Tour (Black Cabs sind inoffizielle Taxis) gemacht. Unser Fahrer war als Junge selbst beim Bloody Sunday dabei, sein Bruder wurde vor seinen Augen erschossen - er konnte uns also sehr eindrücklich erklären, was damals geschehen ist. Aber wirklich faszinierend war, daß dieser Mann trotz allem keinerlei Haß in sich trug - er wollte eigentlich nur, daß seine Kinder vielleicht irgendwann mal echten, dauerhaften Frieden in Nordirland erleben können (eine Einstellung, die ich auch später in Belfast immer wieder fand). Nachmittags wollte ich dann eigentlich eine Tour ans Meer, zum Giant's Causeway, machen, aber davon bin ich wieder abgekommen. In der Guildhall in Derry findet zur Zeit gerade die von Tony Blair initiierte Untersuchung der Ereignisse vom Bloody Sunday statt, wo endlich die Schuldfrage und die Rolle der Armee geklärt werden soll. Und diese Anhörungen sind öffentlich. Also bin ich hin. Und was dort an Zeugenaussagen zu hören war, war schockierend. Da wurde mehrfach berichtet, daß durch die Fallschirmjäger Menschen erschossen wurden, die sich bereits mit erhobenen Händen ergeben hatten, daß auch auf deutlich mit dem Roten Kreuz gekennzeichnete Sanitäter geschossen wurde (ein eklatanter Verstoß gegen die Genfer Konvention). Ein Soldat berichtete, daß sie förmlich aufgestachelt wurden, Leute zu erschießen (Ein Vorgesetzter sagte - Zitat aus seiner Aussage: "Let's teach these buggers a lesson - we want some kills tomorrow!").

Von Derry aus ging's dann per Bus weiter nach Belfast, wo ich im Linen House, einem Independent Hostel im protestantischen Viertel (wichtig, später dazu mehr) unterkam.

Nachdem ich ein bißchen durch die Stadt getigert bin, hab ich eine Black Cab-Tour durch das Protestanten-Viertel mitgemacht. Ich wollte auch mal die andere Seite erleben, und so sind wir durch die Shankill Road gefahren und der Fahrer hat seine Erlebnisse geschildert. Am nächsten Tag hab ich dann noch eine solche Tour durch das Falls Road-Area, also das katholische Viertel, gemacht. Auch hier war die eindeutige Aussage, daß sie nur noch Frieden wollten. Beide Fahrer vertraten die Meinung, daß wohl die Mehrheit der Nordiren so denken würde, daß nur wenige Fanatiker auf beiden Seiten dagegen wären, daß aber diese weniger Fanatiker alles kaputtmachen könnten.

 

Bei der zweiten Tour war auch der Milltown-Friedhof  im katholischen Viertel eines unserer Ziele. Dort hab ich unter anderem das Grab von Bobby Sands, dem Führer des Hungerstreiks von katholischen Gefangenen Anfang der 80er, besucht. Außerdem waren wir am Grab eines der "Guildford-Vier", bekannt aus dem Film "Im Namen des Vaters". Diese vier Menschen wurden verhaftet, weil sie angeblich einen Bombenanschlag auf ein englisches Pub verübt hatten. Sie waren mehr als zehn Jahre in Haft, obwohl die Behörden bereits nach wenigen Jahren die echten Täter gefaßt hatten. Die anderen wurden aber zuerst mal nicht freigelassen, weil die britische Regierung nicht ihr Gesicht verlieren wollte.

 

Diese Tour endete dann am Republican Bookstore im Sinn Fein-Office. Wie es der Zufall so will, kam gerade Martin McGuinness, Erziehungsminister im nordirischen Kabinett, raus. Unser Fahrer kannte ihn und so konnten wir ein paar Worte mit ihm wechseln.

Wie gesagt, das Hostel war in einem protestantischen Viertel. Aber gegenüber war ein Pub, und zwar eines, daß überwiegend von Katholiken besucht wird. Um dort reinzukommen, mußte man klingeln, erst dann wurde der Drahtkäfig vor dem Eingang geöffnet.

Insgesamt waren diese Tage in Nordirland die interessantesten Tage meines Urlaubs, weil ich endlich hinter die Kulissen des Bürgerkrieges schauen konnte, ein Thema, das mich schon lange interessiert. Mir wurde klar, daß wirklich eine Chance für Frieden da ist, weil die Mehrheit dafür ist. Auch wurde mir nochmal deutlich, daß die Berichterstattung in den deutschen Medien ein Witz ist. Da wird immer von einem Religionskrieg der Katholiken gegen die Protestanten gesprochen. In Wahrheit ist es so, daß es hier um einem Kampf zwischen einer wirtschaftlich, sozial und politisch privilegierten Klasse (welche "zufällig" überwiegend aus Protestanten besteht) und einer in diesen Punkten benachteiligten Klasse (welche ebenso "zufällig" überwiegend aus Katholiken besteht), geht. Deutlich wurde auch, daß in Deutschland sehr einseitig berichtet wird, denn wenn von Gewalt in Nordirland gesprochen wird, fällt meistens gleich das Stichwort IRA - dabei gibt es auf protestantischer Seite ebenfalls Terrorgruppen, welche derzeit sogar eher als gewaltbereit einzustufen sind als die Katholiken.

Ach ja, zum Hostel: nachts ging der Feueralarm los und wir mußten alle das Gebäude verlassen. Vor dem Gebäude waren drei Tourbusse von Reiseveranstaltern (Tir Na Nog-Tours und Paddywaggon) in Brand gesetzt worden - vermutlich von Protestanten, die es störte, daß diese Autos mit "republikanischem" Kennzeichen (Dubliner Nummernschild) in "ihrem" Viertel parkten. Außerdem gab es eine Bombendrohung gegen das Hostel. Aber zum Glück ist nix weiter passiert.

Von Belfast aus bin ich dann per Bus nach Dublin gefahren, wo ich mich zwei Tage aufhielt. Da alle Hostels ausgebucht waren, mußte ich mir ein Hotelzimmer nehmen. Ich bin einfach so durch die Stadt getigert, hab mir dies und jenes angeschaut und hab den Flair dieser Stadt auf mich wirken lassen. Unter anderem war ich im Trinity College und habe mir natürlich das Book of Kells angeschaut. Außerdem war ich in der Guinness-Brauerei und in der Jameson-Whisky-Brennerei. Dublin ist eine absolut tolle, pulsierende Stadt.

 

 

Nach meinen zwei Tagen Dublin ging's dann zurück nach Galway, wo ich nochmal zwei Nächte im Great Western Hostel schlief und die Tage zum relaxen nutzte. Über Limerick ging's dann wieder zum Shannon Airport.

Alles in allem waren die 15 Tage echt total schön, interessant und spannend. Ich hab viel erlebt, nette Leute kennengelernt und auch einiges, speziell zum Nordirland-Konflikt, dazugelernt. Und ich weiß, daß ich nicht zum letzten Mal in Irland war.


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