Gedichte

etzte Änderung dieser Seite: 30.05.2005

Gedichte von Anderen

Stoppt jede Uhr, laßt ab vom Telephon,
Verscheucht den Hund, der bellend Knochen frißt, die roh'n.
Laßt schweigen die Pianos und die Trommeln schlagt,
Bringt heraus den Sarg, ihr Klager klagt.
Laßt die Flieger kreisend - Trauer sei Gebot
An den Himmel schreiben: Er ist tot.
Straßentauben gebt um den Hals starre Kreppkragen,
Polizisten laßt schwarze Handschuh' tragen.
Er war mir Nord, mir Süd, mir Ost und West;
Des Sonntags Ruh' und der Woche Streß
Mein Tag, mein Gesang, meine Rede, meine Nacht.
Ich dachte, Liebe währet ewig - falsch gedacht.
Sterne sind jetzt unerwünscht, will nichts sehn davon,
Verpackt den Mond, zertrümmert die Sonn'.
Fegt weg den Wald und des Meeres Flut,
Nie wird es sein, so wie es war. Nie wieder gut.

W.H. Auden (bekannt aus dem Film “Vier Hochzeiten und ein Todesfall”

***

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich’s der Abgrund.

 Nis Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen."

Da fasst ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will’s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!

Nis tritt auf die Brüke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
"Und seine Mutter?"

 Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern...! Nein: es blieb ganz!...
Wie lange? Wie lange?

 Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es! Sie kommen!

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still - ruft da nicht einer? - Er schreit’s durch die Hand:
"Sagt Mutter, ‘s ist Uwe!"
Otto Ernst (Dieses Gedicht ist für mich das größte Lob, welches man all jenen singen kann, die an den Küsten der Meere ihr eigenes Leben einsetzen, um anderen Menschen zu helfen - stellvertretend hierfür seien die Männer und Frauen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger genannt)

***

"John Maynard war unser Steuermann,
Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."

Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund':
"Noch dreißig Minuten... Halbe Stund".

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,
"Feuer!" war es, was da klang,
Ein Qualm aus Kajüt' und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, buntgemengt,
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich's dicht,
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?"
"Ja, Herr. Ich bin."
"Auf den Strand! In die Brandung!"
"Ich halte drauf hin."
Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo.

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. Nur einer fehlt!* * *

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
Himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
"Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."

(Theodor Fontane)

***

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,

liegen die friesischen Inseln im Frieden,

und Zeugen weltenvernichtender Wut,

taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.

Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,

der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.

Trutz, Blanke Hans!

    

Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde

ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.

Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,

die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.

Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen

und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.

Trutz, Blanke Hans!

    

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen

die Kiemen gewaltige Wassermassen.

Dann holt das Untier tiefer Atem ein

und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.

Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,

viel reiche Länder und Städte versinken.

Trutz, Blanke Hans!

  

Rungholt ist reich und wird immer reicher,

kein Korn mehr faßt selbst der größeste Speicher.

Wie zur Blütezeit im alten Rom

staut hier alltäglich der Menschenstrom.

Die Sänften tragen Syrer und Mohren,

mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.

Trutz, Blanke Hans!

    

Auf allen Märkten, auf allen Gassen

lärmende Leute, betrunkene Massen.

Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:

"Wir trutzen dir, Blanker Hans, Nordseeteich !"

Und wie sie drohend die Fäuste ballen,

zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.

Trutz, Blanke Hans!

    

 

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,

der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen,

der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,

belächelt den protzigen Rungholter Wahn.

Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen

das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen.

Trutz, Blanke Hans!

    

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.

Plötzlich, wie Ruf eines Raubtiers in Banden:

das Scheusal wälzte sich, atmete tief

und schloß die Augen wieder und schlief.

Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen

kommen wie rasende Rosse geflogen.

Trutz, Blanke Hans!

    

Ein einziger Schrei- die Stadt ist versunken,

und Hunderttausende sind ertrunken.

Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,

schwamm andern Tags der stumme Fisch.---

Heut bin ich über Rungholt gefahren,

die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.

Trutz, Blanke Hans!

(Detlev von Liliencron)


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